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Der Mann, der auf dem Mond stand und sich trotzdem wie ein Betrüger fühlte

Vor einigen Jahren wurde der Schriftsteller Neil Gaiman zu einem Treffen berühmter Künstler, Wissenschaftler und Entdecker eingeladen. Er fühlte sich vom ersten Moment an fehl am Platz. Er war sicher, dass jemand den Fehler bemerken und ihn bitten würde zu…

Vor einigen Jahren wurde der Schriftsteller Neil Gaiman zu einem Treffen berühmter Künstler, Wissenschaftler und Entdecker eingeladen. Er fühlte sich vom ersten Moment an fehl am Platz. Er war sicher, dass jemand den Fehler bemerken und ihn bitten würde zu gehen. An einem Abend stand er hinten im Saal und kam mit einem sehr freundlichen älteren Herrn ins Gespräch. Der Mann sah in die Menge und sagte, auch er frage sich, was er hier eigentlich tue. All diese Leute hätten Erstaunliches geschaffen, sagte er, während er selbst nur dorthin gegangen sei, wohin man ihn geschickt habe.

Dieser Herr war Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond. Gaiman erzählte die Geschichte 2017 in seinem Blog und bestätigte später, dass sie wirklich passiert ist. Sie wurde zu einem der meistgeteilten Texte im Internet über ein Gefühl, das Millionen von Menschen sehr gut kennen: das Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben.

Zwei Psychologinnen und 150 erfolgreiche Frauen

Dieses Gefühl bekam 1978 endlich einen Namen. Zwei amerikanische Psychologinnen, Pauline Rose Clance und Suzanne Imes, veröffentlichten einen Aufsatz mit dem Titel „Das Hochstapler‑Phänomen bei erfolgreichen Frauen“. Sie hatten mit mehr als 150 erfolgreichen Frauen gearbeitet: Hochschullehrerinnen, Studentinnen und Fachkräften. Viele von ihnen hatten ausgezeichnete Leistungen, Preise und Abschlüsse. Trotzdem glaubten sie insgeheim, dass sie gar nicht klug seien und dass die anderen sich einfach hatten täuschen lassen.

Clance und Imes wählten ihre Worte sorgfältig. Sie schrieben über ein „Phänomen“, nicht über ein „Syndrom“. Clance erklärte später, sie habe nicht gewollt, dass es wie noch eine Sache aussieht, die mit Frauen angeblich nicht stimmt. Dieses Detail ist bis heute wichtig. Das Hochstapler‑Syndrom ist keine medizinische Diagnose. Es steht weder im DSM‑5 noch in der ICD‑11, den beiden wichtigsten Listen psychischer Störungen, mit denen Ärzte arbeiten. Es ist eine Erfahrung, keine Krankheit.

Anfangs dachten die beiden Psychologinnen, diese Erfahrung sei typisch für Frauen. Spätere Forschung zeigte etwas anderes, wie wir gleich sehen werden.

Die manipulierte Waage im Kopf

Der Kern dieser Erfahrung ist nicht ein geringes Selbstwertgefühl. Es ist eine seltsame Art, die eigenen Ergebnisse zu erklären. Wenn etwas gut läuft, sagt die Person: Ich hatte Glück, die Aufgabe war leicht, der Professor mochte mich, ich habe zwanzig Stunden statt fünf gearbeitet. Wenn etwas schiefgeht, sagt sie: Das ist die Wahrheit über mich, ich bin einfach nicht gut genug.

Valerie Young, eine Expertin, die Workshops zu diesem Thema gibt, vergleicht das mit einer kaputten Küchenwaage. Kritik und Fehler kommen auf die Waage und wiegen sehr schwer. Lob und gute Ergebnisse kommen auf dieselbe Waage und wiegen fast nichts. Nichts, was andere sagen, verändert die Zahl.

Clance beschrieb außerdem einen Kreislauf, der sich immer wiederholt. Er beginnt meistens mit einer neuen Aufgabe: einer neuen Stelle, einer Prüfung, der ersten Präsentation. Zuerst kommen Angst und Zweifel. Dann reagiert die Person auf eine von zwei Arten: Entweder bereitet sie sich viel zu gründlich vor, oder sie schiebt alles bis zur letzten Nacht auf. Das Ergebnis ist meistens gut, aber es gibt keinen Stolz, nur Erleichterung. Und der Erfolg wird wegerklärt: Er kam durch die enorme Arbeit oder durch Glück, nicht durch Können. Die nächste Aufgabe beginnt deshalb wieder am selben Punkt, und der Kreislauf startet von vorn.

Wie viele Menschen fühlen so?

Sie haben die Zahl „70 Prozent“ wahrscheinlich schon in einem Artikel zu diesem Thema gesehen. Sie stammt aus einer Umfrage, die Clance Mitte der 1980er‑Jahre gemeinsam mit der Psychologin Gail Matthews durchführte. Sie fanden heraus, dass sich etwa 70 Prozent der Befragten aus sehr unterschiedlichen Berufen irgendwann in ihrer Laufbahn wie Hochstapler gefühlt hatten. Matthews bemerkte auch, wann das am häufigsten passiert: am Anfang einer neuen Stelle oder wenn jemand etwas tut, das niemand im Umfeld vorher getan hat.

Diese Zahl ist beliebt, aber sie ist nicht sehr genau. 2020 veröffentlichte ein Team um Dr. Dena Bravata von der Stanford University die erste große Übersicht über die Forschungslage im Journal of General Internal Medicine. Es trug 62 Studien mit 14.161 Teilnehmenden zusammen. Die Ergebnisse waren überraschend weit gestreut: Zwischen 9 und 82 Prozent der Menschen einer Gruppe zeigten Hochstapler‑Gefühle, je nachdem, welcher Fragebogen verwendet wurde und wo die Forschenden die Grenze zwischen „normalem Zweifel“ und „Hochstapler“ zogen.

Die Übersicht zerstörte auch einige Mythen. Solche Gefühle waren bei Männern und bei Frauen häufig. Sie traten in jedem Alter auf, von Jugendlichen bis zu erfahrenen Fachleuten am Ende ihrer Laufbahn. Besonders stark waren sie bei Menschen aus ethnischen Minderheiten. Und sie gingen oft mit Angst, Depression, geringer Arbeitszufriedenheit und Burnout einher. Der genaue Prozentsatz bleibt also unklar, aber eines ist sicher: Wer sich so fühlt, ist in sehr großer Gesellschaft.

Die fünf Masken des Hochstaplers

Valerie Young bemerkte, dass diese Gefühle bei nicht allen gleich aussehen. In ihrem Buch von 2011 beschrieb sie fünf Typen. Der Perfektionist hält 99 von 100 Punkten für ein Scheitern. Der Übermensch arbeitet länger als alle anderen, um zu beweisen, dass er dazugehört. Das Naturtalent glaubt, echtes Talent bedeute, alles mühelos zu können, deshalb wirkt jede Anstrengung wie ein Beweis für Dummheit. Der Einzelkämpfer weigert sich, um Hilfe zu bitten, weil Bitten Schwäche zeigen würde. Der Experte sammelt noch einen Kurs und noch ein Zertifikat und fühlt sich trotzdem nicht bereit anzufangen.

Diese Typen sind nicht nur eine hübsche Idee aus einem Buch. In einer Reihe von Workshops für Medizinstudierende, Ärztinnen und Ärzte sowie Hochschulpersonal in den USA wurden zwischen 2019 und 2021 insgesamt 198 Personen dazu befragt. 57 Prozent hatten Hochstapler‑Gefühle. Von ihnen erkannten sich 42 Prozent im Experten wieder, 34 Prozent im Einzelkämpfer, 31 Prozent im Übermenschen und 25 Prozent im Perfektionisten. Auf die Frage, woher diese Gefühle kämen, nannten 72 Prozent die Erwartungen ihrer Eltern.

Die unerwartete gute Nachricht

Fast alles, was über das Hochstapler‑Syndrom geschrieben wird, sagt, dass es schädlich ist. Basima Tewfik, Professorin an der MIT Sloan School of Management, beschloss, diese Annahme zu überprüfen. Sie trennte den Gedanken selbst — „die anderen halten mich für besser, als ich wirklich bin“ — von den schmerzhaften Gefühlen, die ihn begleiten. Dann untersuchte sie in vier Studien mit 3.603 Personen, was im Arbeitsalltag passiert.

Die Ergebnisse, 2022 im Academy of Management Journal veröffentlicht, waren unerwartet. Beschäftigte, die solche Gedanken häufig hatten, wurden von anderen als besser im Umgang mit Menschen bewertet. Der Grund ist einfach: Weil sie sich ihrer Sache nicht sicher waren, achteten sie stärker auf die anderen. Bei jungen Ärztinnen und Ärzten in der Ausbildung hielten diejenigen mit mehr Hochstapler‑Gedanken besseren Blickkontakt, nickten öfter und stellten bessere Fragen. Die Patienten beschrieben sie als bessere Zuhörer. Und ihre Arbeitsleistung wurde dadurch nicht schlechter.

Tewfik warnt vor dem falschen Schluss. Sie sagt deutlich, dass solche Gedanken dadurch nicht zu etwas Gutem werden, denn sie senken weiterhin das Selbstwertgefühl und die positiven Gedanken. Es gibt viel gesündere Wege, ein guter Zuhörer zu werden. Aber die Forschung ändert die Geschichte ein wenig: Das Gefühl ist kein Beweis dafür, dass in Ihnen etwas kaputt ist.

Was hilft also wirklich?

Hier eine ehrliche Tatsache: Als das Team von Bravata nach Studien suchte, die Behandlungen gegen das Hochstapler‑Syndrom geprüft haben, fand es keine einzige. Niemand hat bisher bewiesen, dass eine bestimmte Methode besser wirkt als eine andere. Was wir haben, sind Strategien aus der psychologischen Praxis und aus dem, was wir über die Funktionsweise dieser Gefühle wissen.

  • Sprechen Sie es aus. Clance und Imes arbeiteten nicht ohne Grund mit Gruppen. Ihre Patientinnen waren erstaunt, wenn erfolgreiche Menschen genau dasselbe Geheimnis beschrieben. Der Gedanke „nur ich bin hier eine Blenderin“ überlebt dieses Gespräch nicht.
  • Sammeln Sie Belege. Legen Sie eine Datei mit konkreten Rückmeldungen, fertigen Projekten und gelösten Problemen an. Gefühle haben ein schlechtes Gedächtnis. Eine Datei nicht.
  • Prüfen Sie Ihre Erklärung. Fragen Sie sich nach einem Erfolg, was eine gute Freundin dazu sagen würde. Wenn Ihre Antwort immer „Glück“ lautet, schreiben Sie auf, welche Fähigkeiten tatsächlich nötig waren.
  • Rechnen Sie am Anfang damit. Eine neue Stelle oder ein erstes großes Projekt ist genau der Moment, in dem diese Gefühle kommen. Wer das vorher weiß, kann sie eher als normal lesen und nicht als Warnung.
  • Bitten Sie bewusst um Hilfe. Wer den Einzelkämpfer in sich erkennt, kann eine Frage als kleines Experiment stellen. Niemand verliert deshalb den Respekt, und die Antwort kommt schneller.
  • Lassen Sie es schwer sein. Talent heißt nicht, alles sofort zu können. Sich mit einer schweren Aufgabe zu quälen, ist kein Beweis gegen Sie: So sieht Lernen aus.

Noch etwas ist wichtig. Diese Gefühle treten oft zusammen mit Angst und Depression auf, und die Stanford‑Übersicht zeigte, dass sich diese Probleme gegenseitig verstärken. Wenn der Zweifel monatelang anhält, den Schlaf raubt oder von Chancen fernhält, lohnt sich ein Gespräch mit einer Psychologin oder einem Arzt. Das ist keine Schwäche, sondern dieselbe Logik wie der Gang zum Zahnarzt bei Zahnschmerzen.

Vielleicht gibt es keine Erwachsenen

Am Ende seiner Geschichte schreibt Gaiman über den Moment, in dem Armstrong ihm etwas klarmachte.

Wenn sich sogar Neil Armstrong wie ein Hochstapler fühlte, dann vielleicht alle.

Vielleicht ist das der nützlichste Gedanke zu diesem ganzen Thema. Menschen, die völlig sicher wirken, können oft nur denselben Zweifel besser verbergen. Niemand besitzt eine Urkunde, die beweist, dass er seinen Platz verdient hat. Es gibt nur Menschen, die arbeiten, die manchmal Glück haben und die sich ein wenig überfordert fühlen — was meistens ein Zeichen dafür ist, dass sie etwas Neues tun.

Die Frage lautet deshalb nicht, wie dieses Gefühl für immer verschwindet. Sie ist kleiner und praktischer: Was werden Sie beim nächsten Besuch dieses Gefühls tun — ihm glauben oder trotzdem weiterarbeiten?

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